Diese Ozeanüberquerung von Ost nach West im April 1928 wird in Bremen in diesen Sommer für einige Tage ins
Zentrum der Öffentlichkeit gerückt. Pünktlich zum 70. Jahrestag wurde eine Interessengemeinschaft zur Zurückholung des Flugzeuges „Bremen“ von 10 Bremer Geschäftsleuten gegründet. Sie erreichten es, die „Bremen“
für 8 Jahre aus den USA nach Deutschland zu holen. Das mit Wellblech verkleidete Flugzeug wurde inzwischen
restauriert und soll zum Festakt am 19. Juni 1998 auf dem Bremer Marktplatz feierlich ausgestellt werden. Vom
Senat von Bremen werden zu dieser Festveranstaltung Repräsentanten und diplomatische Vertreter der, an dem
historischen Ereignis beteiligten Nationen (Vereinigte Staaten, Kanada, Republik von Irland), sowie Vertreter der
deutschen Städte, vieler Unternehmen und Organisationen, die einen besonderen Bezug zu diesem Historischen Flug
haben, erwartet. Die ARD produziert zur Zeit einen 45 min Dokumentarfilm, welcher am 1. Juli 1998 gesendet werden soll.
„Den Tag, an welchem Lilienthal im Jahre 1891 seine ersten 15 Meter in der Luft durchmessen hat, fasse ich auf als
den Augenblick, seit welchem die Menschen fliegen können“. Diese Worte des französischen Flugpioniers Ferdinand
Ferber sind in Steingravur auf der Pyramidenspitze des von dem Teltower Bildhauer Wilfried Statt geschaffenen „Lilienthal-Denkmal“ in Drewitz-Krielow zwischen Werder und Groß Kreutz zu lesen.
Die Idee des Fliegens beschäftigte die Menschen bereits seit Urgedenken. Viele hatten es versucht und hatten ihren Traum mit dem Leben bezahlen müssen. Nur die Erfolgreichen erlangten den Ruhm. Nach Lilienthals
ersten Gleitversuchen wurden die Flugapparate immer leistungsfähiger. Bis in die 20er Jahre hinein dienten diese
abenteuerlichen Flugmaschinen meist militärischen Zwecken. Mit Aufkommen der ersten Langstreckenflugzeuge für den zivilen Luftverkehr reifte in vielen fortschrittlichen Köpfen
die Idee eines Non-Stop-Fluges über den Atlantik. Amerikaner, Franzosen, Engländer und Deutsche wetteiferten
um den Erfolg. Mit Wagemut stürzten sich die Tapfersten in dieses Abenteuer. Nachdem Charles Lindbergh 1927
den Atlantik in seinem Flugzeug „Spirit of St. Louis“ in nur 33 ½ Stunden von New York nach Paris überquerte hatte, folgten ihm nur 14 Tage später die Flieger Chamberlin und Levine.
Der aus Vorkriegszeiten bereits flugbegeisterte Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld empfing in seiner
Eigenschaft als Pressechef des Norddeutschen Lloyd am 13. Juni 1927 die Ehefrauen der Ozeanflieger Chamberlin
und Levine bei ihrer Ankunft in Bremerhaven. Hünefeld forderte vor Begeisterung seinen Begleiter, den Direktor und
Chefpiloten der Norddeutschen Luftverkehrsgesellschaft in Bremen Edzard, spontan auf, gemeinsam mit ihm den viel
gewagteren Ozeanflug in Gegenrichtung von Ost nach West zu unternehmen. Edzard stimmte zu und wieder einmal brach in Deutschland das „Ozeanflugfieber“ aus.
Bereits in Berlin-Johannisthal hatte sich Hünefeld vor 1914 in seiner Freizeit begeistert der Fliegerei gewidmet, ohne selber in jener Zeit zu fliegen.
Als Vizekonsul in Maastricht/Holland mußte er am 10. November 1918 den ins Exil gehenden deutschen Kaiser empfangen und war von dieser Begegnung und den Begleitumständen so betroffen, daß er zwei Tage später, als
auch der deutsche Kronprinz Wilhelm die Grenze überschritt, seinen Staatsdienst quittierte, um dem Kronprinzen als
Privatmann auf die „Insel der Verbannung“ nach Wieringen zu folgen. Von einer ausgeprägten Vaterlandsliebe erfüllt,
war Hünefeld von der Notwendigkeit friedlicher Beziehungen zwischen den Völkern überzeugt. Er kämpfte in unzähligen Gedichten und Zeitungsartikeln für die „Nationale Wiedergeburt Deutschlands“. Sein wagemutiger Flug
über den Atlantik sollte dem Ansehen seiner deutschen Heimat neue Geltung verschaffen. Er wollte die Kontinente verbinden helfen und die Menschen einander näher bringen.
Sein die damaligen Zeitgenossen begeisternder Atlantikflug war nicht ein „Höhenflug“, sondern ein sorgfältig
geplantes Unternehmen, welches das Ansehen der deutschen Fliegerei aufbessern sollte. Hünefeld hatte die Idee mit
einem Trans-Atlantikflug nicht nur Mut und technische Verwegengeit zu demonstrieren, sondern er wollte ein Band der Freundschaft zwischen den seit Ende des Krieges entzweiten Völkern Europas und Amerikas spannen. Er
glaubte an die friedliche Rolle der Zivilfliegerei und die sinnvolle Einsetzbarkeit von Flugzeugen.
Am 12. April 1928 startete Hünefeld, nachdem sein erster Versuch 1927 mit Edzard fehlgeschlagen war, zum zweiten Mal mit dem einmotorigen Junkers-Flugzeug W33 mit Namen „Bremen“ und einer irisch-deutschen
Besatzung. Auf dem Startplatz in Baldonnel in Irland konnten der Organisator Hünefeld und sein Pilot Hermann Köhl
den dortigen Flugplatzkommandanten James C. Fitzmaurice als zweiten Piloten gewinnen. In 36 ½ Stunden ging es
von dem irischen Baldonnel nach Amerika. Nach glücklicher Landung auf der amerikanischen Insel Greenly Island (Neufundland) folgten wochenlang Einladungen der großen amerikanischen Städte. Überall wurden die
Atlantikflieger mit Herzlichkeit aufgenommen. Hünefeld gewann schnell die Herzen seiner Zuhörer, wenn er die völkerverbindende Idee und Absicht dieses Fluges herausstellte.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begann er sofort mit der Planung eines Ostasien-Fluges von Berlin über Indien nach Tokio um Möglichkeiten neuer Handels-, Verkehrs- und Postflugrouten zu beweisen. Mit dem Ziel
Tokio startete Hünefeld und der schwedische Pilot Lindner am 19. September 1928. Der Flug führte in Etappen
über Sofia, Ankara, Bagdad, Karachi, Kalkutta, Hanoi, Kanton, Schanghai nach Tokio. Von dort kehrte Hünefeld schwer krank nach Deutschland zurück und starb, nach seiner 13. Operation, an Krebs am 5. Februar 1929 in
Berlin.
E. Günther Freiherr von Hünefeld verbrachte seine Jugend zur Jahrhundertwende in Berlin-Südende und besuchte
das Steglitzer humanistische Gymnasium. Häufig krank mußte Hünefeld das Gymnasium verlassen und wurde durch
seine Mutter und durch Hauslehrer unterrichtet. Später studierte er an der Berliner Universität Philosophie und
Literaturgeschichte. Er wollte an einem Hoftheater Intendant werden und so arbeitete er während seines Studiums
als Regievolontär und Dramaturg bei einem Bühnenverlag. Bereits in frühester Jugend begann Hünefeld mit seiner
schriftstellerischen Arbeit und verfaßte Gedichte und Liedchen. Er war in der Dichtkunst sehr begabt. Von ihm sind
mehrere Gedichtbände erschienen wie „Kleine Liedchen“, „Ich schwur einen Eid“ und „Biblische Gesänge“. In Bremen, seiner späteren Wahlheimat, entstanden neben lyrischen Gedichten das Schauspiel „Die Stunde der
Entscheidung“, das 1927 im Bremer Stadttheater uraufgeführt wurde, sowie das „Karnevalskonzert“ und „Die Flucht
vor dem Glück“, welches 1928 in Dresden zur Aufführung kam. Nach seinem geglückten Atlantikflug entstand in Zusammenarbeit mit dem Musiker Hugo Hirsch „Das Lied der Bremen“ und seine Bücher „Unser Atlantikflug„,
„Mein Ostasienflug“ und „Wir von der Bremen“. Sein literarisches Werk umfaßt vaterländische, historische und religiöse Themen, welche sein schicksalsreiches Leben bewegt hatten. Auf seinem Krankenbett verfaßte er am
Vorabend seiner letzen Operation sein letztes Gedicht: „Am Vorabend“.