Letzte Änderung: 3.06.2001

Start
Wir über uns
Benedict
aktuelle Fotos
Kontakt
Ursprung
Diplome & Wappen
Genealogie Hünefeld
Genealogie Knoop
Rittergüter
Bilder
erster Atlantikflug
Kronprinz Wilhelm
Johanniter
Quellen
Kronprinz Wilhelm

Eine Heimfahrt

Zusammengestellt und überarbeitet von Andreas Frhr. v. Hünefeld, Berlin 2000

Quellen: E.G. Frhr. v. Hünefeld, Insel der Verbannung; E. v. Selasinsky-Selasen, Am Rande gelebt; Eine historische Autofahrt, Allgemeine Automobil-Zeitung 26.01.1924; Eine Heimfahrt, Aus der Zeit für die Zeit, 13.06.1923;

Wer sich verinnerlichen will, geht in die Wüste. So lautet es wohl in der Heiligen Schrift. So war auch der verleumdete, verkannte, ja teilweise gehaßte Kronprinz Wilhelm in die Wüste gegangen, auf seine Insel, Wieringen das öde Eiland im Zuider See, daß früher, und auch heute wieder, kaum ein Deutscher dem Namen nach kannte, bzw. kennt.

Im November 1923 war er zurück von „seiner Insel“, der „Insel der Verbannung“ wie sein langjähriger Freund und Berater Günther Frhr. v. Hünefeld in seinem gleichnamigen Buch schrieb. Zurück von jenem Wieringen, das ihm fünf Jahre Heimat war und das für Ihn so viel Erinnerung bedeutete, daß er dieses Eiland zurückblickend gelobt und gepriesen hatte.

Zurück von der Insel, die ihm ermöglichte, die Dinge in Deutschland aus der Ferne, unbeeinflußt vom Getriebe der Zeit zu betrachten und den Geschehnissen gegenüber eine objektive und verstehende Stellung einzunehmen.

Ja, es war eine Verbannung ohne jede Beschönigung, die der Verbannung des großen Korsen, der die Welt einst wirklich in Atem und Schrecken versetzte, in nichts nachstand, ja diese vielleicht noch übertraf. Milder war sie nur insofern, als die Verbannungsinsel nicht so weltverloren lag wie die Insel Elba, schärfer und härter insofern als die Primitivität der Unterbringung, des Umganges, der Mangel an Umgebung, nicht übertroffen werden konnte.

Ein einfaches ehemaliges Dorfpastorenhaus, kurz vorher mit einigen besseren Möbelstücken ausgestattet, wenig Zimmer, mangelhafte Petroleumbeleuchtung, noch mangelhaftere Beheizungsverhältnisse, von einem
dürftigen Gärtchen umgeben und an der Landstrasse gelegen. Das ist das äußere Milieu der Kronprinzenwohnung. Brave, biedere Fischer, Landleute, Kleingewerbetreibende sind als Nachbarn und Mitbewohner der Insel der tägliche, ihm liebgewordene Umgang. Zwei treue Diener und ein zum aufopfernden Freunde gewordener ehemaliger Adjutant, anfänglich Freiherr v. Hünefeld, später v. Müldner, bildeten die Umgebung. Abwechslung in die Öde brachten lediglich die zahlreich eingefundenen, meist recht enttäuscht wieder abgezogenen Befrager und Besucher aus aller Herren Länder. Und diese Abwechslung wahrlich wäre auch zu missen. Es gehörte schon ein Philosophentum dazu, diese Einsamkeit zu ertragen, und ein der allgemeinen Massen- und Durchschnitsmenchheit überragender Geist, der es versteht sich nicht nur anzupassen, sondern sich auch geistig wertvoll für sich und die Zukunft zu beschäftigen.

Körperliche Betätigung war bei der stürmischen Witterung und dem rauhen Klima nur in Form von Holzhacken möglich, was aber auch dazu beitrug den täglichen Heizungsbedarf zu decken.

Es ist noch heute umstritten, ob es für ihn nötig war im Jahre 1918, wie sein Vater, ins Niederländische überzutreten. Da die deutsche Reichsregierung auf seine Dienste als Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe verzichtet hatte, war er durchaus frei in seinen Entschlüssen. Er hatte sich ausdrücklich dazu angeboten, seine Truppen ordnungsgemäß in die Heimat zu führen. Er konnte, nachdem er entlassen war, tun und lassen was er wollte, sich also auch ins neutrale Ausland begeben. Das er diese Möglichkeit allen anderen vorzog, ist durchaus verständlich. Er vermied damit im Inland jeden Streit um seine Person, er vermied damit jede Möglichkeit einer Sammlung um ihn, zur Durchführung einer doch vielfach befürchteten „Gegenrevolution“. Er brachte im gewissen Sinne das gleiche Opfer, wie sein Vater es bewußt auf sich genommen hatte.

Das dem Kaiser bei seinem Übertritt nach Holland auf den dringensten Rat seines ersten Ratgebers, des Feldmarschalls v. Hindenburg, nur der Gedanke maßgebend war, jede Möglichkeit eines Blutvergießens um seiner Person willen zu vermeiden, steht heute geschichtlich fest. Gleiches muß man auch gerechterweise dem Kronprinzen zubilligen. Und dennoch lagen für ihn die Dinge etwas anders. Für ihn mußte es als sein gutes Recht gelten, etwa seinen Thron verteidigen oder wiedergewinnen zu wollen. Der Kaiser Wilhelm II hatte bei seiner Abdankung im November 1918 auch nur für seine Person auf den Thron verzichtet. Mit dem Kaiser war über die Frage seiner Abdankung wenigstens vorher diskutiert worden, wenn sie auch am 9. Nov. 1918 ohne sein volles Einverständnis vom damaligen Reichskanzler Prinz Max v. Baden als vollzogen erklärt worden war, so konnte die neue Reichsregierung wenigstens formell für sich in Anspruch nehmen, daß dem Kaiser diese Verlautbarung an sich nach den vorangegangenen Diskussionen nicht völlig überraschend, über seinen Kopf hinweg, kommen konnte.

Für Kronprinz Wilhelm lagen die Dinge anders. Er war nie befragt worden. Er wurde völlig überrumpelt. Dies hätte für ihn schon Anlas sein können sich seine Rechte zu sichern oder gar wiederzuerlangen. Als Soldat erfreute sich der Kronprinz ganz besonderer Beliebtheit. Es wäre durchaus denkbar, daß sich große Teile des Volkes und des Heeres für ihn ausgesprochen hätten. Eine andere Wegrichtung der Geschichte wäre denkbar gewesen!

Diese Fragen wurden bei den Besuchen seiner Freunde auf der öden Insel in der Zuidersee oft besprochen. Unter der regelmäßigen Besuchern war auch sein langjähriger Freund Eberhard v. Selasinski. Wesentlichste Frage war aber: Wie kommt der Kronprinz wieder nach Deutschland zurück, wie kommt er aus Holland heraus, wo sich die Entente mit seiner Person so eingehend befaßte und ihn als Kriegsverbrecher verfolgte. Obgleich sich der Kronprinz freiwillig in die Verbannung nach Holland begeben hatte, wurde ihm seitens der Holländischen Regierung dieses einsame Eiland mit seiner höchst bescheidenen, ja geradezu primitiven Unterbringung als Wohnsitz zugewiesen und er in seiner Bewegungsfreiheit beschränkt.

Das dies auf die Dauer ein unhaltbarer Zustand war, wurde seiner engeren, ihm gebliebenen Umgebung sehr bald bewußt.

 

Eine für Freunde des Automobilsports gewiß hochinteressante, in gewissem Sinne historisch zu nennende Autofahrt war die des Kronprinzen Wilhelm in den Tagen vom 10. bis zum 13. November 1923.

Des Kronprinzen Heimkehr wurde natürlich lange vorher geplant und bis in alle Einzelheiten vorbereitet. Der Verdienst hieran gebührte seinem treusten Freunde und nächsten Berater Major v. Müldner, dessen Selbstaufopferung und Liebe für seinen Herrn seinesgleichen sucht.

Als Leitstern schwebte über allen Vorbereitungen und Plänen der Gedanke: „Nichts Illegales sollte und durfte geschehen, die Heimkehr sollte nicht vorbelastet werden.“

Das war im besonderen des Kronprinzen Wunsch, der alles vermeiden wollte, was seinem armen, geprüften Vaterlande durch seine Rückkehr als deutscher Bürger innen- oder außenpolitisch neue Schwierigkeiten bereiten könne. Das dennoch schließlich die Rückkehr mit einem innenpolitischen Ereignis zusammenfiel, war ein tückischer Zufall, der allen Beteiligten höchst unerwünscht war.

Nachdem die holländischen und Deutschen maßgebenden Stellen ihr Einverständnis zur Aus- bzw. Einreise nach langen Verhandlungen erteilt hatten, stand im November 1923 der Ausführung des Planes nichts mehr im Wege. So trafen die Eingeweihten in der Heimat, unter Ihnen Major a.D. Eberhard v. Selasinsky, die verabredeten Telegramme, so daß am 10. Nov. der lang erhoffte Tag eintreten sollte.

 

Nach fünfjährigem Ausharren auf dem öden Eiland Wieringen sollte dem Kronprinzen nun endlich die Stunde der Rückkehr nach Deutschland schlagen.

 

Major v. Selasinsky, Organisator dieser Fahrt schrieb damals: „ Beiden Regierungen gebührt für Ihre entgegenkommende, verständnisvolle Haltung Dank; der holländischen insbesondere, daß sie sich durch unberechtigte Einsprüche, Vorhaltungen der Entente, besonders Frankreichs nicht beeinflussen ließ und den geraden Weg des Rechts beibehielt.“

Unter dem Druck einer immerhin im letzten Augenblick noch möglichen Beeinflussung durch Frankreich, die bei der Ausführung des Planes in Rechnung gestellt werden mußte, stand daher auch der erste Teil der Fahrt – es war dies die holländische Strecke von Ewiksluis – dem der Insel Wieringen gegenüber gelagerten Festlandort an der Nordspitze der nordholländischen Halbinsel, bis zur deutsch-holländischen Grenze, die mit besonderer Schnelligkeit gefahren werden mußte. Diese Strecke wurde vom Generalvertreter der Dürkopp-Automobil-Werke in Holland Herrn Stuhr als Fahrer gefahren.

Der Wagen, der zur Fahrt benutzt wurde, war ein eben dem Kronprinzen gelieferter, in Form, Ausmaßen, Ausführung gleich vornehm wirkender Sechs-Zylinder 12/45 Dürkopp neuesten Typs. Die Ausführung der Karosserie in naturfarbenem Mahagoni, an den Türen ein vornehmes, kleines, schwarz eingelegtes Monogramm, die Kühlerhaube dunkelkarmoisin lackiert, in gleicher Farbe waren Polsterung und sonstige lackierten Teile gehalten. Die reichliche Verwendung vorzüglicher Vernickelungsarbeit am Kühler, den Rädern usw. wirkte schön und vornehm. Einem Wagen gleichen Typs war kurz vorher bei einer Schönheitskonkurrenz auf dem Amsterdamer Autosalon ein erster Preis zuerkannt worden.

Die Fahrt wurde am 10. November in aller Herrgottsfrühe angetreten. Nachdem der Kronprinz gegen 4 Uhr morgens in aller Stille die Insel Wieringen mit einem Motorboot verlassen hatte, begann die Fahrt gegen 6 Uhr in Ewiksluis, und zwar nur in Begleitung des langjährigen Freundes und Gefährten Major a.D. v. Müldner und des Wieringer Bürgermeisters, der sich eine Begleitung nicht nehmen lassen wollte.

Dem Reisewagen folgte unmittelbar, gesteuert von einem bewährten Dürkoppmann bzw. Stuhrschen Chauffeur, der schon auf der Insel Wieringen im Besitz gewesene 8/30er Vierzylinder, ein damals bekannter kleiner Sportwagen der Firma Dürkopp, auf dem das geringe Handgepäck der beiden Herren verstaut war und der den treuen Diener Wölk aufnahm.

Die Fahrt durch Holland wurde „mit dem Teufel im Nacken“, wie Müldner sich scherzhaft ausdrückte, so im 100 km/h Tempo zurückgelegt und trotz einer Frühstückspause bei holländischen Freunden erreichte man bereits kurz nach 12 Uhr die Grenze bei Bentheim.

Das Zollhaus, das still und träumerisch am Waldrande liegt, beherbergt den den Grenzdienst versehenden Beamten und seine Amtsstube. In ihr ein Kommen und Gehen der Grenzpassanten von beiden Seiten; des holländischen Markttages in Oldenzaal wegen herrschte ein etwas lebhafter Grenzverkehr als gewöhnlich.

Hier erwartete Kommerzienrat Bödiker aus Hamburg sowie Major a.D. Eberhard v. Selasinsky aus Paderborn die heimkehrenden Herrn.

Den beiden Herrn ist der rege Grenzverkehr teilweise angenehm, denn es konnte sich bei dem regeren Verkehr der Übergang möglicherweise um so unauffälliger vollziehen, teilweise aber auch nicht so recht, weil sich bei dem Übergang doch vielleicht Neugierige sammeln könnten, die dann vorschnell den „Draht spielen ließen“. Und das lag gar nicht im Sinne des heimkehrenden Freundes, der alles vermieden wissen wollte, was nur irgendwie geeignet war „Aufsehen“ zu erregen.

Selasinsky schreibt: „Die Grenzbeamten sind ahnungslos. Wir warten, es ist 11 Uhr, die verabredete Stunde. Kein Auto von Holland her in Sicht. Ich gehe in das Niemandsland hinüber zum holländischen Grenzposten, versuche mich zu unterhalten. Auch er weiß von nichts. Es wird 12°°, ½ 1, kein Auto in Sicht. Etwas ungeduldig wandere ich zurück, wieder durch das Niemandsland. Da plötzlich, lautlos, wie aus der Erde gezaubert steht ein prächtiger neuer großer Tourenwagen neben mir, ich vernehme die freudig bewegte Stimme des Heimkehrers, meines lieben Müldner: `Hallo – Sela – da sind wir und, Gott sei Dank, Ihre lange Gestalt ist auch da`. Will es mir jemand verdenken, wenn ich den Augenblick herzbewegend nenne? Ja, es war herzbewegend, diesen Augenblick erleben zu dürfen, als erster Deutscher dem Erben der einst so mächtigen deutschen Kaiserkrone bei der Rückkehr in das Land seines menschlichen Sehnens und Hoffenswährend der fünf langen Jahre selbstgewählter Verbannung die Hand drücken zu können.“

Schnell ging es zur deutschen Zollstelle, wo natürlich das Staunen groß war, d. h. das Staunen der wenigen Beamten; denn sonst war auf deutscher Seite niemand da als ein paar Handwerksburschen, die gerade nach Holland walzten. So vollzog sich der Übergang schlicht und schmucklos, wie es die Wesensart des heimkehrenden Kronprinzen entsprach.

In Kürze waren alle Formalitäten erledigt, der Paß geprüft, das Auto versteuert, gegen 1 Uhr Mittags setzten wir die Fahrt fort. Ein Holländischer Begleitoffizier hatte mit Major v. Selasinsky den Platz gewechselt und war an der Grenze zurückgeblieben.

Ab der Grenze übernahm Major v. Selasinsky die Führung des Wagens nach der Karte, da Herr Stuhr, als Holländer, die deutschen Strecken nicht sonderlich kannte. Zumal man nicht nur darauf bedacht war den Kronprinzen schnell und sicher, sondern auch im großen und ganzen unerkannt und ohne jedwedes Aufsehen an sein Ziel zu bringen.

Aufenthalte zum erfragen von Wegrichtungen und Umkehren an „vorbeigerasten“ Ecken waren nach Möglichkeit zu vermeiden. So war es erforderlich gewesen, die ganze Fahrt eingehend vorzubereiten, die sich dann auch glücklicherweise mit der Genauigkeit eines „Mobilmachungsplanes“ abgespielt hat. Auf der gesamten Strecke, die fast 2.000 km betrug wurde nicht ein einziges Mal verfahren, selbst nicht an dem für eine solche Autotour meteorologisch höchst ungünstigen 12. November.

Herr Bödiker war mit einer großen Opel-Limousine erschienen, um für den Fall der Not auch einen geschlossenen starken Wagen zur Hand zu haben. Die Begleitung dieses Wagens schied aber nach Erreichen der ersten Tagesetappe wieder aus, einmal, weil kein „Fall der Not“ vorlag, zum anderen, weil dieser schwere Wagen doch auf die Dauer nicht imstande gewesen wäre, dem stolzen Reisewagen des Kronprinzen zu folgen, der auch auf deutschem Boden vom Generalvertreter Stuhr meist noch so gefahren wurde, als ob der Teufel noch immer im Nacken säße.

Kurz nach der Grenze, nachdem Bentheim selbst durchfahren wurde, meldete sich der Magen. Weit und breit in dem Niederungsgebiet keine Menschenseele. Ein kleiner Wald lädt zur Rast ein. Der holländische Frühstückskorb wird hervor geholt. Mit einem Becher Portwein stoßen Alle an „Glückauf in der Heimat“. Die holländischen Butterbrote – reines Weißbrot – munden allen prächtig. Die Herrn haben volles Verständnis für die sehnsuchtsvollen Blicke eines auf der Landstraße vorbeitrollenden Wanderers. Der Kronprinz läßt ihm einige Brote bringen. Aber das war dem Unbekannten nicht genug, er drehte um und bat um etwas Geld. In guten Holl. Gulden wurde es ihm gewährt. Er empfahl sich dankend, ohne seinen Gönner zu erkennen. Die Frage, woher er des Weges käme, wurde unverfälscht sächsisch beantwortet: ...Geradewegs aus Sachsen. Unerkannt durchfuhr man die weiteren Orte, nur in einem Dorfe kurz vor Münster hatten die Reisenden das Gefühl, als ob der vor seiner Schule mit seinen Zöglingen stehende Lehrer den vorn beim Fahrer sitzenden Herrn als den Kronprinzen im letzten Augenblick erkannt hatte und dies seinen Kindern sagte.

Als erstes Tagesziel war das idyllisch im Wald versteckt gelegene Schloß Hamborn der Freiherrn v. Rüxleben, nahe Paderborn in Aussicht genommen worden, welches gegen ½ 5 Uhr nachmittags, nach einer fast 12 stündigen Fahrt über Burgsteinfurth und Münster erreicht wurde. In Hamborn fand der Autokorso gastliche Aufnahme und der erste gemütliche Abend auf deutschem Boden, nach 5 jähriger, mit der Kriegszeit fast 9 jähriger Abwesenheit von der Heimat wird wohl dem Kronprinzen, sowohl allen die an der Fahrt oder jenem Abend teilgenommen haben, für immer unvergeßlich gewesen sein.

Der 11. November war ein halber Ruhetag, erst nach dem Mittagstisch fuhr die Gesellschaft weiter, nachdem die beiden von Holland kommenden Wagen noch einmal, unter der Aufsicht des Generaldirektors der Dürkoppwerke genau nachgesehen wurden. Herr Moellenberg ließ es sich nicht nehmen von Bielefeld herüber zu kommen um „seinen“ Wagen persönlich zu begrüßen und er hatte auch „für alle Fälle“ einen weiteren Begleitwagen, ebenfalls einen 8/30er Sportwagen, mitgebracht. Dieser Ersatzwagen wurde von einem in Herford wohnenden Neffen des Gründers der Dürkopp-Werke gefahren. Außerdem stieß in Hamborn ein weiterer Freund, der Major a.D. v. Schütz hinzu, der am 11. und 12. November an der Fahrt teilnahm und am 12. Nov., dem Nebeltage, vortrefflich führte.

Für den 11. November war nur eine kurze Fahrt vorgesehen, welche durch das Lipperland führte, vorbei am Hermann im Teuteburger Walde, über Hameln in die Gegend von Alfeld a. d. Leine, wo der Kronprinz mit seinen Begleitern auf Schloß Brüggen des Freiherrn v. Cramm gastliche Aufnahme fanden.

Am 12. Nov. waren der hohe Herr und die ihn begleitenden Herren schon früh auf den Beinen, sollten doch an diesem Tage wenigstens 500 km geschafft werden. Die Führung übernahm Major v. Schütz im vorfahrenden Wagen mit Herrn Dürkopp am Steuer. Als Reiseziel war Baruth in Aussicht genommen worden. Bei ebenso herrlichem Wetter wie an den beiden Vortagen fuhr man gegen 7 Uhr ab, durchfuhr Hildesheim, wo v. Müldner aufgewachsen war und jeden Stein begrüßen konnte. Bis ins braunschweigische hielt sich das Wetter. Plötzlich: Nebel über Nebel, so dicht, so schwarz und mit Verlaub zu sagen auch so dreckig, daß den Reisenden Hören und Sehen verging. An die Augen, Nerven und Geschicklichkeit der fahrenden Herrn, nicht minder an die Aufmerksamkeit des Kartenführers v. Schütz, wurden denkbar höchste Anforderungen gestellt. Herr v. Selasinsky schrieb damals: „ Es war eine richtige Kriegsfahrt, womit gesagt sein soll, eine Fahrt, die unter allen Umständen durchgeführt werden mußte.“

Eine besondere Erschwerung lag damals, im November 1923, neben dem Nebel in dem miserablen Kopfsteinpflaster, welche die braunschweigischen Straßen damals oft bedeckte, um sie gegen Ausfahren durch die schweren Rübenfahrzeuge zu schützen. An diesem Herbsttage sah man die Wagen den Segen der Felder (gemeint sind die Zuckerrüben) in die zahlreichen Zuckerfabriken bringen. Fahrzeug an Fahrzeug fuhren sie in langen Ketten auf der Straße, die Fahrer nicht immer sonderlich diszipliniert. Gar häufig erschienen plötzlich vor dem Wagen , einer Giraffe gleich, aus dem Nebel tauchend, ein Gaul und wie ein Zirkuskünstler umfuhr Stuhr das plötzliche Hindernis. Die Fahrer sahen oft nicht die Hand vor den Augen, und tutend und leuchtend krochen die Wagen über Wolfenbüttel, Schöppenstedt nach Helmstedt. Unterwegs in Wolfenbüttel auch einmal kräftig angehaucht von einem pflichtgetreuen braunschweigischen Landjäger, weil das Nummernschild des kronprinzlichen Wagen nicht mehr erkennbar war. Der Organisator Major v. Selasinsky schriebt hierzu: „... kein Wunder bei dem Nebeldreck, der sich darauf gesetzt hatte, was uns aber veranlaßte, es schleunigst wieder blitzblank zu putzen; denn wir wollten doch nicht etwa für Schieber gehalten werden, welcher Ehrentitel einem ja heutzutage (1923) im Auto so häufig zugerufen zu werden pflegt.“

Diese Zurufe unterblieben aber anscheinend, denn Selasinsky berichtet: „ ... im Gegenteil, ich hörte einmal sogar, als wir an einem Bahnübergang in Westfahlen hielten, die sehr treffende Unterhaltung einiger Arbeiter, die den Wagen des Kronprinzen prüfend ansahen: `Du, die in dem Wagen, die gehören da drinnen, dat sind keine Schiebers`“

Als die Kolonne glücklich gegen Mittag Helmstedt hinter sich ließ, wich auch der Nebel und in flotter Fahrt wurde Magdeburg erreicht und ohne jedweden Aufenthalt in Richtung Treuenbrietzen in der Mark durchfahren. Bei herrlichem Sonnenschein rasteten die Reisenden im Walde bei Möckern. Kurz nach überschreiten der brandenburgisch-sächsischen Grenze bei Görzke ereignete sich ein kleiner Unfall, der den nachfolgenden Gepäckwagen betraf. Er kam in einer Kurve ins Schleudern und nahm bei der Fahrt in den Graben einen Baum an. Gott sei Dank ohne Schaden für Insassen und Wagen, was für die Güte des Materials besonders sprechen dürfte. Mit eigener Kraft konnte der Wagen, nachdem er aus dem Graben heraus gewunden war, seine Fahrt fortsetzen.

Das war eigentlich die einigste Panne, die die Reisegesellschaft betroffen hat. Der von Herrn Dürkopp gesteuerte 8/30er hatte unterwegs zwei- oder dreimal einen Reifendefekt, der kronprinzliche Wagen nur einen einzigen. Verursacht durch einen bösen Nagel, kurz vor Breslau am nächsten Tage.

Selasinsky resümiert dennoch wörtlich: „Man kann sagen, daß das Zurücklegen einer fast an die 2.000 km heranreichenden Strecke mit 1 [4] Reifenwechsel [n] [einem beim kronprinzlichen Wagen und 3 bei den Begleitfahrzeugen], welche [auch damals] in ca. 10 Min. etwa durch Radauswechseln behoben war und keiner sonderlichen Panne (außer dem Begleitwagen im Graben) wohl als einen besonders guten Rekord bezeichnet werden kann. [!]“

Bei den zahlreichen (Prinz-Heinrich-) Fahrten und sonstigen großen Sportveranstaltungen an denen Eberhard v. Selasinsky im In- und Ausland im Laufe der Jahre teilgenommen hatte, hat er nach eigener Aussage „jedenfalls meist erheblich zahlreichere Pannen erlebt.“

Nach durchqueren des öde daliegenden Truppenübungsplatzes Jüterborg, auch der Platz Altengrabow, der eben so öde dalag, erreichte der aus dem Exil heimkehrende Kronprinz die Gegend um Baruth. Was mag des Kronprinzen Soldatenherz empfunden haben, als er hier der Zeiten gedachte, da Reiterschwadronen, Kanonen und Infanteristen die Truppenübungsplätze bevölkerten. Schon während der ersten Fahrtage war ihm das Fehlen jeglicher Uniformen im deutschen Straßenbilde aufgefallen

Gegen 6,30 Uhr abends wurde Baruth erreicht, wo man im Schloß beim Fürsten Solms Unterkunft bezog, dessen Gattin, eine geborene Prinzessin v. Schleswig-Holstein, dem Kronprinz als Base nahestand. So war der Aufenthalt in Baruth sehr familiär. Die fürstlichen Herrschaften, die kurz vorher in Oels waren, konnten Ihrem Gast von seiner Familie und seinem Heim berichten.

Auch der 13. November sah Alle früh auf den Beinen. Herr v. Schütz schied wieder aus, ihn riefen Pflichten nach Berlin. Das Gepäckauto war infolge eines Festfahrens ausgeschieden. Dürkopp übernahm mit seinem Wagen die Besorgung von Ersatzteilen, speziell Reifen, in Cottbus. So kam es, daß der Kronprinz, v. Müldner, Stuhr und v. Selasinsky an diesem Tage zusammen im Reisewagen die Fahrt allein fortsetzten. Mit jedem Kilometer, mit dem sich der Wagen Schlesien näherte, wuchs die Sehnsucht endlich heimzukommen und so fuhr man flott und ohne Stocken durch den lieblichen Spreewald über Lübben, Vetschau und durch die Lausitz über Forst.

Kurz vor Sprottau hatte Dürkopps Wagen eine Reifenpanne, so daß man auf der Landstrasse hielt und wartete. Da kam ein Krümperwagen mit sechs Reichswehr-Unteroffizieren, wohl von der Artillerie in Sprottau am Heimkehrer vorbei. Die ersten Soldaten, die man zu Gesicht bekam. Der Kronprinz nickte ihnen freundlich zu, sie erkannten ihn nur halb, zweifelten, machten verlegene Gesichter, drehten sich um – scheinen nun doch zu wissen wer da stand, verhielten ihren Wagen, um den Kronprinzen alsbald wieder an sich vorbeifahren zu lassen und saßen nun mit leuchtenden Augen stramm in Ihrem Wagen und erwiesen dadurch ihre Ehrenbezeugung.

Im Walde hinter Primkenau wurde ein Frühstückshalt eingelegt. Ein Förster rehviert, erkennt sofort den hohen Herrn und begrüßt ihn voller Herzlichkeit und Natürlichkeit. „Woher kennen Sie denn mich so gut?“ fragt der Kronprinz. „Ich habe bei den Jägern in Oels gedient, Kaiserliche Hoheit, und schon damals manchen Hasen bei den Jagden zugetrieben.“

Da gab es ein freudiges Erzählen und Auffrischen alter Erinnerungen und selten wohl hat ein sogenannter früherer `Untertan` aufrichtiger mit seinem früheren Kronprinzen angestoßen: „Auf unseres lieben Vaterlandes bessere Zukunft!“

Danach durchfuhr der Sechs-Zylinder Dürkopp, von Parchwitz kommend, kurz nach Dunkelwerden Breslau, wo, der Sicherheit halber auf der Oderbrücke angehalten wurde, um nach dem richtigen Weg zu fragen.

Kurzentschlossen fragt v. Selasinsky einen neben dem Wagen gehenden Jüngling mit Sportmütze. „Die Herren wollen nach Hundsfelden – da will ich auch hin – nehmen Sie mich mit?“ „Selbstverständlich“ tönt es von vorne neben dem Fahrer, dem angestammten Sitz des Kronprinzen. Und schon sitzt der Junge Mann zwischen Müldner und Selasinsky auf der Rückbank und dirigiert den Wagen durch Breslaus Straßen.

„Die Herren sind wohl alte Offiziere?“ fragt der Mitgenommene. „Wieso.“ fragt Selasinsky. „Ja – Sie sehen so aus.“ Er meinte Müldner und Selasinsky. Alle lachen. „Na gucken Sie sich mal den Herrn vorne an.“ Er tat es, erkennt den Kronprinzen, reißt die Mütze vom Kopf „der Kronprinz – wirklich – Treudeutsch, Kaiserliche Hoheit und herzlich willkommen“. Ein warmer Händedruck belohnte den netten jungen Mann aus den Breslauer Linke-Hoffmann-Werken.

In Sybillenort ein kurzer Halt und telefonischer Anruf in Oels: „Wir kommen gleich!“

Um 6 Uhr fuhr man in Oels ein, dessen Hotels wimmelten von Reportern und Fotografen aus allen Ländern, denen nun, da es bereits dunkel war der Spaß verdorben wurde.

Kronprinz Wilhelm war zu Hause, ohne Unfall, ohne Aufsehen, ohne Trara, ganz wie alle es gewünscht hatten. Alles war so verlaufen wie es geplant und vorbereitet wurde. Die Fahrt war als vortrefflich gelungen zu bezeichnen. Fast die gesamte Strecke war der Generalvertreter der Dürkoppwerke in Holland, der fast 60 jährige Herr Stühr gefahren, der nur einmal vom Kronprinzen selbst, zwischen Parchwitz und Liegnitz abgelöst wurde, wobei sich der Kronprinz als ein äußerst sicherer und zuverlässiger Fahrer erwiesen hatte.